Sonntag, 3. Juni 2007
Chapter 1
Das Heck des Wagens brach in der Kurve ein wenig aus. Jon ging vom Gas, brachte den Wagen zurück in die Spur. Was für ein Scheißwetter aber auch! Die Straße war inzwischen vollständig zugeschneit und es war ziemlich glatt. Er verringerte die Geschwindigkeit, auch wenn er so noch länger nachhause brauchen würde. Machte jedoch nichts, da sowieso niemand auf ihn wartete. Aufmerksam in die Dunkelheit und den fallenden Schnee blickend, tuckerte er über die Straße. Plötzlich erfassten die Scheinwerfer etwas am Straßenrand. Vorsichtig bremste er ab und näherte sich dem Objekt. Als er näher kam erkannte er, daß ein Auto am Straßenrand stand und eine vermummte Gestalt daran lehnte. Er rollte aus und hielt hinter dem Wagen. Warnblinker an und dann öffnete er auch schon die Tür, um auszusteigen. Kalter Wind und riesige Schneeflocken trafen sein Gesicht, er zog instinktiv den Kopf zwischen die Schultern und zog den Kragen seiner Jacke höher. Die Gestalt vor ihm drehte sich nun zu ihm um. Es war eine junge Frau, die ihn skeptisch betrachtete. Er ging ein paar Schritte auf sie zu.
„Kann ich helfen? Haben Sie ne Panne?“ rief er.
„Wenn du nen Keilriemen dabei hast, dann schon!“
Jon stutzte kurz, dann musste er grinsen. Er stand nun vor der jungen Frau, die trippelnd von einem Fuß auf den anderen trat. Sie trug eine dicke Daunenjacke, Schal und Mütze. Von ihrem Gesicht konnte er kaum mehr als die Augen und eine kleine Stupsnase sehen.
„Ich kann ne Gitarrensaite anbieten!“ konterte er.
Sie ließ ein glockenhelles Lachen hören und schüttelte den Kopf.
„Wäre auch zuviel des Glücks gewesen! Hast du wenigstens ein Handy dabei, damit ich den Pannendienst rufen kann? Ich frier mir schon seit ner halben Stunde den Hintern ab und will endlich ins Warme!“
Jon begann augenblicklich in seiner Jackentasche nach dem Handy zu wühlen. Er fand es und blickte auf das Display.
„Sorry, aber das Netz ist ausgefallen. Zumindest hab ich hier keinen Empfang.“ Teilte er ihr bedauernd mit.
Nun kam Leben in das Mädchen. Sie stampfte erst energisch mit dem rechten Fuß auf, dann trat sie wütend gegen den Hinterreifen ihres Autos.
„Fuck, Fuck, Fuck!“ schrie sie aufgebracht.
Wieder musste Jon grinsen. Sie reagierte genauso wie er es von sich selbst kannte. Fluchen war zwar in den meisten Fällen sinnlos, aber es half sich abzureagieren. Ratlos drehte sie sich erneut zu ihm um.
„Und jetzt?“
„Und jetzt, steigst du in mein Auto und ich bringe dich nachhause!“ schlug er vor.
„Ich darf nicht zu Fremden ins Auto steigen!“ warf sie spöttisch ein.
„Sagt deine Mum? Was muß ich tun, damit du mir traust?“ fragte er amüsiert.
Sie grinste schief.
„Sag mir deinen Namen, damit ich dir meine Mum auf den Hals hetzen kann, falls du mir zu nahe kommst!“
Jon schüttelte lachend den Kopf, hielt ihr jedoch die Hand zur Begrüßung hin.
„Ich bin Jon und ich schwöre dir, daß ich dich nicht mal angucken werde um vor deiner Mum sicher zu sein!“
Sie griff nach seiner Hand und drückte sie fest. Ihre Finger waren eiskalt und nass.
„Ich bin Tammy. Können wir jetzt fahren?“
Jon nickte und sie marschierte schnurstracks zur Beifahrerseite seines Wagens. Als er selbst einstieg, hatte sie es sich schon bequem gemacht. Sie blickte ihn von der Seite an und wies mit der Hand auf die Rückbank, wo sein Gitarrenkoffer lag.
„Bist du Musiker?“
„Jep.“ Antwortete er einsilbig. War ihm ganz recht, daß sie ihn nicht erkannte.
„Wo wohnst du eigentlich?“ erkundigte er sich während er den Wagen auf die Straße lenkte und Gas gab.
„In Red Bank. Weißt du wie du da hin kommst?”
Jon lachte.
„Klar! Wir sind quasi Nachbarn. Soll ich die Heizung noch höher drehen? Frierst du?“
„Geht schon so! Danke! Ich hab nur kalte und nasse Füße. Was fahre ich auch mit dieser alten Karre durch die Gegend? Mir war klar, daß die irgendwann den Geist aufgibt!“ wetterte sie vor sich hin.
Jon schmunzelte lediglich und konzentrierte sich aufs Fahren. Ein paar Meilen weiter war die Straße bereits geräumt und sie kamen zügiger vorwärts. Tammy und er unterhielten sich locker. Sie klang sehr nett und witzig, auch wenn er noch nicht viel von ihr gesehen hatte. Irgendwann zupfte sie ihn am Ärmel.
„Können wir da vorne halten? Ich muß mal und ein heißer Kaffee wäre auch nicht schlecht.“
Kurz blickte er zur Seite. Sie hatte die Mütze ein wenig nach oben geschoben und zum ersten Mal sah er ihre Augen richtig. Sie waren groß und haselnussbraun. Ihm gefiel was er sah.
„Okay, ich lade dich auf nen Kaffee ein!“ stimmte er zu.
Er bog an der vor ihnen liegenden Raststätte ab und rasch fand er einen Parkplatz direkt vor dem Diner. Während Tammy zur Toilette ging suchte er einen Platz und zog die dicke Jacke aus. Hastig fuhr er sich durch die schulterlangen Haare.
Als Tammy zurück kam hatte er bereits Kaffee für sie beide bestellt. Neugierig sah er sich seinen fremden Fahrgast an, als sie sich ihm gegenüber setzte. Sie zerrte sich den Schal vom Hals, dann griff sie nach der dunklen Wollmütze und zog sie ab. Zum Vorschein kamen brünette Locken, die ihr frech bis auf die Schultern fielen. Obwohl ihre Haare ein bisschen feucht waren, gefiel ihm ihr zerzauster Look. Überhaupt sah sie hübsch aus. Braune Augen, eine kleine Stupsnase, auf der sich ein paar Sommersprossen tummelten und ein schön geschwungener, voller Mund. Doch sie sah wirklich gut aus! Ihr Aussehen wirkte genauso lebenslustig und frech, wie schon ihre Stimme geklungen hatte.
„Hast du mich nun lange genug gemustert?“
Erschrocken zuckte er zusammen. Er hatte gar nicht gemerkt, daß er sie angestarrt hatte! Leichte Röte schoß ihm in die Wangen.
„Sorry, das wollte ich gar nicht!“ stammelte er peinlich berührt.
Sie lachte leise und griff nach ihrer Kaffeetasse.
„Schon gut! Dabei hätte ich viel mehr Grund dich anzustarren und verlegen zu sein! Ich konnte ja nicht ahnen, daß mich Jerseys „golden boy“ aus einem Schneesturm gerettet hat!“
„Du hast mich also doch erkannt?“
Sie nickte leicht.
„Klar, aber erst jetzt. Vorhin warst du zu sehr in deine Jacke eingemummelt und ich konnte nicht viel von dir sehen. Jedenfalls bist du mir doch nicht so fremd und ich muß mir von meiner Mum keine Strafpredigt anhören!“ neckte sie ihn.
Jon atmete erleichtert auf. Sie schien kein Problem mit seiner Person zu haben, ging völlig locker mit ihm um.
„Warum drohst du mir ständig mit deiner Mum? Ist sie so ein schlimmer Besen?“ fragte er zwinkernd.
Sie lachte herzlich und schüttelte den Kopf.
„Nein, ist sie nicht! Sie macht sich nur schnell Sorgen um mich und kann dann ganz schön biestig werden.“
„Kenn ich! Ist also nicht nur ein italienisches Phänomen!“
Tammy lächelte noch immer und trank von ihrem Kaffee. Sie zog den Kopf immer wieder zwischen die Schultern und kuschelte sich in ihre Daunenjacke. Ihr schien nach wie vor kalt zu sein. Sie plauderten noch eine Weile, tranken ihren Kaffee aus und machten sich schließlich wieder auf den Weg. Jon drehte die Heizung für Tammy noch ein wenig höher. Sie sollte schließlich nicht krank werden, so durchgefroren wie sie war.
„Was arbeitest du denn?“ fragte er irgendwann.
„Ich leite ein kleines Hotel. Es gehört meinen Eltern und ich darf mich dort austoben.“
„Scheint dir Spaß zu machen, so begeistert wie du klingst!“ bohrte er nach.
„100 Punkte! Meine Eltern haben mich schon als Kind mit ins Hotel genommen und ich wollte später auch mal da arbeiten. Tja, inzwischen darf ich es und meine Eltern kümmern sich um ein anderes Haus, daß sie vor ein paar Jahren gekauft haben. Sie reden mir nicht rein und ich darf meine eigenen Erfahrungen und Fehler machen.“
Sie schwärmte noch eine ganze Weile und er erfuhr auch den Namen des Hotels. Er kannte es vom Hören und wusste auch um dessen hervorragenden Ruf. Unglaublich, daß ein so junges Mädchen dafür verantwortlich war.
„Respekt! Wie alt bist du eigentlich?“
„26. Und jetzt komm mir nicht mit der Leier, daß ich jünger aussehe! Das muß ich mir schon zur Genüge anhören!“
Jon schmunzelte über ihren genervten Tonfall. Ein Blick zur Seite ließ ihn lächeln. Tammys Unterlippe war trotzig vorgeschoben und sie runzelte die Stirn. Sie sah witzig aus.
Wenige Minuten später wies sie ihm den Weg zu ihrem Haus. Sie musste nicht viel erklären, er kannte die Straßen der kleinen Stadt.
„Was hast du bei dem Scheißwetter überhaupt auf der Straße gemacht?“ Er hatte ihr die Frage schon im Diner gestellt, aber keine Antwort von ihr bekommen. Nun versuchte er erneut seine Neugier zu stillen. Tammy seufzte schwer.
„Ich war unten in Atlantic City. Ich hatte heute frei.“ Gab sie knapp zur Antwort.
Während er nach Tammys Hausnummer Ausschau hielt, hakte er nach.
„Du wirst doch bestimmt nicht zum Zocken dort gewesen sein, oder?“
Bevor sie antworten konnte hatte er ihr Haus entdeckt und fuhr links ran. Sie standen nun vor einem niedlichen, kleinen Haus, das sehr gepflegt aussah. Er drehte sich zu ihr um und in diesem Moment flippte sie aus.
„Fuck, du lässt wohl nie locker! Es geht dich einen Scheiß an, daß ich heute mit meinem Freund Schluß gemacht habe und ihm seine verdammten Sachen vor die Füße gekippt habe! Bist du jetzt zufrieden? Ist deine Sensationsgier endlich befriedigt?“
Er war so geplättet, daß er nichts sagen konnte. Verwirrt starrte er sie an. Ihre Augen schienen Funken zu sprühen vor Wut, doch plötzlich sackte sie in sich zusammen. Sie schlug die Hände vors Gesicht und fing heftig an zu schluchzen. Augenblicklich schämte er sich, daß er so hartnäckig in sie gedrungen war. Er verfluchte sich für seine Neugier und fühlte sich ziemlich hilflos. Vorsichtig legte er ihr die Hand auf die Schulter.
„Sorry, ich hätte dich in Ruhe lassen sollen! Es tut mir wirklich leid und ich kann verstehen, daß du dich mies fühlst!“ stammelte er betroffen.
Flüchtig hob sie den Kopf und blickte ihn an. Sie fasste nach dem Türgriff.
„Vergiss es, Jon! Geht dich alles nichts an! Danke für die Heimfahrt! Bye!“ stieß sie hastig hervor und sprang fast aus dem Auto.
Hektisch öffnete er nun ebenfalls die Tür und stieg aus. Tammy blickte nicht mehr zu ihm zurück und eilte zur Haustür. Es war sinnlos sie aufzuhalten.
„Tammy, es tut mir leid!“ rief er ihr hilflos nach.
Keine Reaktion von ihr, die Haustür fiel krachend hinter ihr ins Schloß.
Zuhause angekommen grübelte Jon noch immer über Tammy. Sie ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. Er fühlte sich schuldig für ihren Tränenausbruch, aber er war auch verwirrt. Während der gemeinsam verbrachten Zeit hatte er niemals auch nur einen Hauch von Traurigkeit an ihr wahr genommen. Im Gegenteil, sie hatte ihn mit ihrer Lebensfreude und ihrem Witz beeindruckt. Das passte irgendwie nicht zusammen! Sollte er dem Ganzen nachgehen oder Tammy aus seiner Erinnerung streichen?
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