Sonntag, 3. Juni 2007

Chapter 2


„Was machst du denn hier?“
Sie klang mehr als nur verwundert und ihre Miene verriet nicht gerade Begeisterung. Jon trat unwohl von einem Fuß auf den anderen.
„Hi Tammy, ich wollte nur wissen, ob es dir wirklich gut geht! Und ich wollte mich nochmals bei dir entschuldigen, daß ich dich gestern so gelöchert habe.“
Tammys Miene wurde weicher und sie öffnete die Tür ein Stückchen weiter. Aber außer ihrem Lockenkopf und ihrer rechten Schulter bekam er nichts von ihr zu sehen.
„Das hättest du nicht tun müssen, Jon! Ich war nicht gerade nett zu dir, nachdem du mich aus dem Schneesturm gerettet hast. Eigentlich sollte ich mich bei dir entschuldigen!“ Sie lächelte sanft und ihm fiel ein kleines Grübchen an ihrem Mundwinkel auf.
Abwehrend winkte er mit der Hand.
„Schwamm drüber!“
Sie grinste nun und sie wirkte schlagartig viel lockerer.
„Möchtest du auf einen Kaffee reinkommen?“
Er war überrascht von ihrem Angebot, aber er fing sich schnell.
„Gerne, wenn ich dich nicht störe!“
Antwort bekam er keine mehr, sie zog einfach die Tür weiter auf und er trat ein. Er stand in einem kleinen Flur, hinter ihm gab Tammy Anweisung.
„Gleich wieder nach rechts, die erste Tür.“
Jon bog nach rechts ab und stand in der Küche. Neugierig blickte er sich um. Tammys Küche war im Stil der 60er Jahre eingerichtet und sah aus wie ein typischer, amerikanischer Diner. Beeindruckt drehte er sich zu ihr um.
„Wow, das ist...ach du Scheiße, du bist schwanger!“ platzte er überrascht heraus.
Sie trug lässige Jogginghosen und ein Baseballshirt. Das Shirt schmiegte sich eng an ein kugelrundes Bäuchlein. Er war platt!
Sie grinste ihn breit an und eine Hand strich leicht über die feste Wölbung.
„Jep, ich bekomme ein Baby! Du hast also gestern uns beide gerettet, Jon!“ erwiderte sie locker und selbstbewusst.
Immer noch überrascht nickte er. Tammy schubste ihn Richtung Tisch und widerstandslos setzte er sich. Während sie zur Kaffeemaschine ging, beobachtete er sie aufmerksam. Sie wirkte wieder genauso unbeschwert wie er sie kennengelernt hatte. Keine Spur von Unsicherheit und auch kein Hauch von Trauer über ihre Trennung. Sie war ihm ein Rätsel!
Als sie mit zwei Tassen zu ihm zurück kam, lächelte sie freundlich und reichte ihm den Kaffee. Fröhlich blickte sie ihn über den Tisch hinweg an.
„Bist du schockiert oder warum kriegst du die Zähne nicht auseinander? Noch nie ne schwangere Frau gesehen?“ zog sie ihn auf.
Verlegen strich er sich durch die langen Haare.
„Ich bin nur überrascht, Tammy! Gestern muß ich das irgendwie übersehen haben!“ gab er ehrlich zu.
„Naja, sooo auffällig dick bin ich ja noch nicht. Ich bin erst im fünften Monat und bis ich wie ein gestrandeter Wal aussehe dauert es noch ein wenig!“
Er musste grinsen und seine Befangenheit wich langsam aber sicher zurück.
„Jedenfalls siehst du aus wie das blühende Leben, Tammy!“
Sie grinste und tätschelte ihren Bauch.
„Bin ich ja auch!“
Er nickte bedächtig, fuhr sich mit der Hand übers Kinn.
„Darf ich dich was fragen?“ erkundigte er sich.
Tammys Blick war offen und sie sah ihm direkt in die Augen. Kurz fasste sie nach seiner Hand, die zwischen ihnen auf dem Tisch ruhte.
„Lass mich erst was erklären, Jon! Das ich gestern so ausgeflippt bin und geheult habe, lag wohl eher an meinen verwirrten Hormonen. Es war nicht so ganz lustig einsam im Schneesturm liegen zu bleiben und hat mich Nerven gekostet. Normalerweise breche ich nicht hysterisch in Tränen aus und schon gar nicht vor Fremden! Tut mir leid, wenn ich dich damit erschreckt habe!“ erklärte sie.
„Es lag also nicht an der Trennung von deinem Freund? Hey, ich könnte das wirklich verstehen in deiner Lage!“
Sie lachte amüsiert und schüttelte den Kopf.
„Quatsch! Mir geht’s wunderbar, ich bin froh, daß ich den Mistkerl los bin! Mein Baby braucht keinen Dad, schon gar nicht so einen wie den! Ich komme alleine klar und ich habe Familie und Freunde, die mir helfen können. Glaub also bitte nicht, du hast es mit einer hilflosen, armen Schwangeren zu tun!“
Er war noch ein wenig skeptisch, obwohl sie sehr selbstbewusst klang.
„Willst du mir nicht bisschen mehr erzählen? Wie war das mit deinem Freund?“ fragte er vorsichtig nach.
Sie lachte erneut und zwinkerte ihm vergnügt zu.
„Sei mir nicht böse, aber du bist wirklich der neugierigste Kerl, der mir je begegnet ist! Warum willst du es so genau wissen?“ zog sie ihn auf.
Jon fühlte Röte in die Wangen steigen und verfluchte sich für seine Neugier.
„Naja, ich mag dich irgendwie.“ Gab er letztendlich zu.
Sie legte den Kopf schief und sah ihn eine Weile wortlos an.
„Ich mag dich auch, sonst hätte ich dich gar nicht auf nen Kaffee eingeladen. Unterbrich mich bitte, wenn dir die Geschichte zu langweilig wird!“
Jon nickte zustimmend und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.
„Toby und ich waren 3 Jahre zusammen, wir haben uns auf der Hotelfachschule kennengelernt. Wir waren beide ehrgeizig und hatten ne Menge gemeinsamer Ziele. Wir wollten irgendwann ein großes Hotel führen, egal wo. Wir wollten ins Ausland gehen und auch dort Erfahrungen sammeln. Wir verstanden uns wirklich prima und er ist bei mir eingezogen. Doch dann haben meine Eltern vor 2 Jahren ein weiteres Hotel gekauft und wollten sich nur noch um dieses kümmern. Sie haben mir dann den Job als Hotelmanagerin angeboten, den ich jetzt noch habe. Klar, daß war nicht ganz nach meinen Plänen, aber der Gedanke gefiel mir trotzdem. Vor allem, weil ich noch einen jüngeren Bruder habe, der auch ins Hotelfach will. Ich dachte mir, ich könnte den Job ja mal solange machen bis mein Bruder soweit ist und mich ablösen kann. Dann hätte ich bereits gute Erfahrungen gemacht und könnte meine Auslandspläne immer noch verwirklichen. Meine Eltern waren glücklich, Toby leider nicht. Er war regelrecht sauer, daß ich von unserem Ziel abgewichen bin. Wir stritten viel, aber irgendwann renkte es sich wieder ein. Ich arbeitete in unserem Familienbetrieb und Toby wurde stellvertretender Manager in einem kleinen Haus drüben in New York. Wir waren beide im Stress, haben uns oft tagelang nicht gesehen. Ich habe gemerkt, daß wir uns voneinander entfernten, aber ich habe nichts unternommen. Tja, dann war ich plötzlich schwanger! Es war ein Unfall. Ich denke, ich war schludrig mit der Pille. Für mich war aber trotzdem von Anfang an klar, daß ich das Baby bekommen wollte. Ich liebe Kinder und habe mir immer schon eigene gewünscht. Toby war zunächst auch glücklich, zumindest kam es mir so vor. Ich bin aus allen Wolken gefallen, als er mir ein paar Tage später eröffnete, daß er einen neuen Job in Atlantic City angenommen hatte. Er hat das Angebot angenommen, ohne mit mir darüber zu reden und ohne Rücksicht auf unser Baby. Er schlug vor, daß ich mitgehen sollte oder wir könnten uns an den Wochenenden sehen. Ich glaube, schon da ist mir klar geworden, daß Toby kein Verantwortungsgefühl für das Baby und mich empfand. Ich habe ihn gehen lassen und bereits nach 3 Wochen war klar, daß er auch an den Wochenenden nicht zurück kommen würde. Er hat jedes Mal Ausreden vorgebracht, die nicht besonders originell waren. Ich habe mir zwei Tage frei genommen und über alles nachgedacht. Ich habe nicht lange gebraucht um festzustellen, daß meine Gefühle für Toby nur noch lauwarm waren. Da war nichts mehr und wozu länger daran festhalten? Ich kann ja auch nicht mehr nur an mich denken! Was soll mein Baby mit einem Dad, den ich nicht liebe und der sich einen Scheiß um das Kleine schert? Ich bin wirklich erleichtert zurück an die Arbeit und habe Toby auch nicht mehr angerufen. Gestern war mir dann danach seine Sachen los zu werden und es endgültig zu beenden. Ich bin ins Auto gesprungen, hab ihm die Sachen vor die Füße gekippt und hab mich auf den Heimweg gemacht. Tja, und dann blieb meine Karre stehen und du kamst ins Spiel! Ende der Geschichte!“ Sie grinste ihn schief an.
Jon atmete tief durch. Das Gehörte hatte ihn berührt, vor allem die Gelassenheit mit der Tammy erzählte. Er glaubte ihr nun, daß sie nicht wegen ihrem Ex geheult hatte. Nachdenklich blickte er sie an.
„Und was sagst du jetzt dazu?“ bohrte sie ungeduldig nach.
„Toby ist ein Arsch!“ platzte er heraus.
Sie stutzte einen Moment, dann brach sie in herzliches Gelächter aus. Ihr Lachen wirkte ansteckend und er lachte mit. Sie zwinkerte ihm zu und es kam ihm vor als seien sie nun Verbündete. Der Gedanke gefiel ihm.

Sie verbrachten fast den gesamten Tag miteinander und hatten viel Spaß. Tammy bewies, daß sie Jons Neugier in nichts nachstand. Sie löcherte ihn mit Fragen über sein Rockstarleben, seine Band und das ganze Drumherum. Bereitwillig gab er ihr Auskunft, brachte sie mit witzigen Anekdoten zum Lachen. Die Zeit verging unbemerkt und endete in einem köstlichen Abendessen, daß Tammy aus einigen Vorräten zauberte. Sie waren sich einig, daß sie sich bald wieder treffen wollten, weil beide die gemeinsamen Stunden genossen hatten.

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